Was man wissen sollte, über den viel gelobten und geschmähten Markt

Immer schon habe ich mich dafür eingesetzt, dass man den Menschen nicht einreden soll, der Markt sei so besonders positiv und funktionstüchtig. Zwar brauchen wir den Markt, richtig, als Koordinationsmechanismus und als Entdeckungsverfahren.

Diese Aufgaben erfüllt der Markt zwar schlecht, aber wir haben noch nichts besseres. Daher ist der Markt wichtig und wird es bleiben, solange wir nichts besseres haben, obwohl er eine schlechte Lösung ist.

Vor lauter Lob finden sich einige gravierende Mängel in den Ökonomiebüchern kaum. Und in den Büchern der linken Kritiker, die nun wieder en vogue sind, finden sich diese Mängel auch nicht.
Gerade jetzt, wo die Finanzmärkte ihre Versagen so unübersehbar zeigen, ist es nützlich, ein paar der wichtigsten Mängel genauer zu kennen.

Der Markt kommt immer zu spät. Er vermeidet Fehler nicht. Er korrigiert diese nicht einmal, sondern er bestraft sie bloss, wenn sie schon passiert sind. Der Markt bewirkt auch nichts, er führt keine Leistung herbei, sondern das Handeln kommt von Menschen, gestützt allerdings auf Marktsignale, die aber auch falsch sein können. Der Mensch tut das vieltausendfach verstärkt durch Organisationen, und daher können die Fehlsignale des Marktes zu enormen Schäden führen.

Der Markt sagt nicht, was wir tun sollen, sondern manchmal, was wir nicht tun sollen, aber viel häufiger nur was wir tun hätten sollen, dann wenn es meistens zu spät ist. Im Nachhinein komme ich drauf, dass ich diese oder jene Aktie nicht hätte kaufen sollen, das hilft mir aber wenig. Der Markt führt auch keine Leistung herbei, nicht für die Wirtschaft, und auch nicht für Gesellschaft. Menschen tun das, wenn sie richtig handeln und dafür die richtigen Signale und Informationen haben.

Die meisten Ökonomen sind recht zufrieden, wenn sie sagen, Fehlentwicklungen würden sich von allein durch den Markt korrigieren. Sie übersehen dabei häufig, dass darin enorme gesellschaftliche Risiken stecken. Zwar ist es richtig, dass der Markt irgendwann die Fehler korrigiert, aber die Schäden von Grosskonkursen und systemischen Kettenreaktionen sind einfach zu gigantisch, um das allein dem Markt zu überlassen. Dafür braucht es zusätzlich Richtiges und Gutes – system-kybernetisches – Management in den Organisationen.

Autor: F. Malik

"Malik is one of the most influential business thinkers..." (Business Week) "Malik has become the leading expert on Management in Europe... He is a commanding figure - in theory as well as in the practice of Management." (Peter Drucker, Doyen of Management)

62 Gedanken zu „Was man wissen sollte, über den viel gelobten und geschmähten Markt“

  1. Es wird Zeit sich den Macros zu befassen, denn die von Ihnen mit neuen system-kybernetischen Managementtools versehenen Companies sind darin eingebettet. Im besten Fall können sie da zukünftige Momente antizipieren, ihnen aber nicht entrinnen. Sämtliche Verträge, Regelungen, Gesetze zum Euro wurden inzwischen ad absurdum geführt. Altschulden und Neuschulden sollen vergemeinschaftet werden. D wird am Ende alles aufgehalst. Die Eurozone, ohne D, wäre nur ein Torso ohne innere Kraft. Ohne D würde der Euro in Millisekunden verdampfen. GR, I, ES, PT, IRE können garnichts mehr garantieren. F läuft in die falsche Richtung. Die kleineren Einheiten, wie CYP, Lux, AT, NL usw sind Randfiguren. Die Geschichte, gerade die jüngere Geschichte, lehrt, das nur wenige zukünftiges erkennen und noch weniger sind bereit, aktiv dagegen zu wirken. Heute stehen wir erneut vor so einer Situation. Die gewählten Mehrheiten im Bundestag, Bundesrat usw werden via ESM mit der größten anzunehmenden Dummheit diesen entrechtnenden Knebelvertrag absegnen. Wenn mir ein gleichartiger Privatvertrag angedient würde, käme er unverzüglich in den Ofen, auch wenn meine Straße damit geflutet würde.

    1. Aus diesen Gründen haben wir Beziehungen zu Leadern der Macros bereits hergestellt. Selbst diese sind aber eingebunden in ihre Systeme, die sie auf monströse Weise daran hindern, sie zu ändern. Kaum jemand will sie, aber es fehlen die Tools für den Mega-Change. Mit herkömmlichen Mitteln kann man sie nicht mehr changen. Daher müssen wir u. a. diese Systeme mit unseren Tools knacken.

      1. Noch weiter zu den Macros. Hier findet man, wie sich das Vermögen der Deutschen zusammensetzt:

        http://www.crp-infotec.de/01deu/finanzen/grafs/vermoegen_umfang.gif

        Ich bestreite nicht, das man hier mal 100 oder 200 Mrd abzweigen kann für ehrenwerte Eurorettungen. Aber was denkt sich unsere politische Nomenklatur bei Garantien, die weit über diese Summen hinausgehen ? Die Omas dieser Nation haben sich das 60 Jahre lang zusammengestrickt und das Geld liegt in ihrem Weisszeugschrank, wo man es bequem herausnehmen kann? Wenn darauf zugegriffen wird, müssen, ganz nach Ihren Vorstellungen, eben die Vermögenswerte auf Teufel komm raus vertickt werden. Deflation der Vermögenswerte. Es gibt in der Mathematik, soweit ich mich erinnere, elegante Möglichkeiten komplizierte Sachen heraus zu kürzen und einen beschwerlichen Lösungsweg damit zu umgehen. Diese sinnvollen Operationen können hier keine Wahl sein. Schulden verschwinden durch Erlasse oder durch Begleichung. Wenn Sie mit ihren Tools diese Systemfehler aufrollen wollen, heißt das für mich, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Managementtools reichen allein nicht. Sie brauchen eine (harte) poltische Komponente für politischen Change.

        1. Es kommt ganz darauf an, welche Managementtools gemeint sind. Für die herkömmlichen Tools haben Sie völlig recht.
          Für die neuen – system-kybernetischen – Tools aber nicht. Mit diesen können wir gerade die Systemfehler überwinden.

    2. Sind denn nicht alle diese Fehlentwicklungen auch der tatsache geschuldet, dass die Marktkorrekturen, welche eigentlich eintreten müssten, politisch verhindert werden?
      Davon abgesehen, bin ich ganz bei Herrn Prof. MAlik, dass (komplexe) Organisationen besser funktionieren müssen.
      Eine Voraussetzung dazu, die eindeutige Transparnz der Verantwortung, schein aber momentan nicht gewünscht zu sein.

      Gruss

      1. Politische Faktoren spielen auch hinein, denn diese gehören eben auch zur Realität. Von den Ökonomen werden diese aber geflissentlich übersehen. Hayek hat diese übrigens recht gut berücksichtigt.

  2. Sehr geehrter Herr Prof. Malik,
    gerne lese ich immer wieder Ihre interessanten Kommentare, in denen Sie u.a. von sog. Tools im Rahmen eines system- kybernetischen Managements sprechen. Leider habe ich an Ihren Seminaren nicht teil genommen und Ihr Text erscheint mir deshalb in einer Art Geheimsprache. Wenn ich Sie in etwa richtig verstehe, halten Sie die Überwindung der gegenwärtigen monetären Krise, deren Ablauf nach meiner Ansicht durch die marginale Produktivität der Schulden determiniert ist, mithilfe Ihrer Tools für Korrigierbar oder lösbar. Ich halte diese marginale Produktivität der Schulden für eine ökonomische Gesetzmäßigkeit, der man in unserem Geldsystem „debt as money“ nicht entrinnen kann, egal wo und mit welchem Tool oder Management. Was nützt mir der beste Schraubenschlüssel im abstürzenden Flugzeug? Ich nehme an, dass diese Tools nur unter gewissen Voraussetzungen funktionieren. Sicherlich reicht mein Verständnis nicht, aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie ein wenig Aufklärung für einen Außenstehenden geben könnten.
    Bedanke mich und grüße Sie

    1. Unsere Tools funktionieren unabhängig von äusseren Bedingungen.
      Sowie Organisationen besser funktionieren, ändert sich ja auch die von Ihnen genannte ökonomische „Gesetzmässigkeit“, weil die Produktivität um 2-stellige Faktoren steigt.

    2. Es gibt nach meinem Verständnis zwei Möglichkeiten Schulden, bzw. Geld aus der Welt zu schaffen.
      1. Durch Bankrott des Schuldners
      Dies bringt insbesondere bei fehlenden, bzw. schlechten Sicherheiten Probleme des Gläubigers mit sich, da dieser mit in den Abgrund gerissen werden kann.
      2. Durch Leistung des Schuldners
      Erbringt der Schuldner eine Leistung, die von einem Gläubiger akzeptiert wird, ist die Schuld ebenfalls getilgt. Hier setzen die Tools an. Sie verbesern die Leistung des Schuldners.

      Dies funktioniert weil Geld Schuld ist. Auch der Zins kann durch Leistung abgegolten werden. Wäre Geld physikalisch(z.B. Gold), wäre es unmöglich die Schuld zu begleichen, da mit dem Zins nicht automatisch der Goldbestand anwächst. Im Schuldsystem wächst mit dem Zins auch der Geldbestand.

      1. Punkt 1 stimmt. Punkt 2 stimmt auch. Sie haben auch einen der Nutzeneffekte unserer Syntegrations-Tools richtig erkannt: Durch ein verbessertes Funktionieren wird die Leistungsfähigkeit des Schuldners besser – und im Falle der Syntegration um 2-3 stellige Faktoren besser. Darüber hinaus ist aber auch der Gläuber besser dran, denn durch Syntegration wird auch seine Leistung besser und daher kann er schlechte Schulden leichter verkraften.

  3. Sehr geehrter Dr. Malik

    seit ich vor einigen Jahren zum ersten Mal dieses Thema von Ihnen gelesen habe, finde ich es immer wieder interessant und habe einige Weiterbildungen „beobachtet“. Menschen bekommen gelehrt, es gibt die absolute Methode, die zum richtigen Marketing, Innovation usw führt. Wenn es dann doch nicht richtig ist, dann regelt es der Markt. Viel wichtiger wäre es, Verantwortung für die eigenen Entscheide zu lehren. Dann gibt es keine anderen Schuldigen und der Markt braucht auch nicht mehr als höhere Instanz oder Ausrede dienen. Er ist dann einfach nur das, was er ist: Schnittstelle zum Kunden. Diese Ansicht befreit einem vom Gefühl der Machtlosigkeit und führt zu einem Stück Gelassenheit.

    Gruß!

    Stefan Müller

  4. Lieber Herr Prof. Malik,
    dieser Satz erfüllt schon mit Sorge:
    „Aus diesen Gründen haben wir Beziehungen zu Leadern der Macros bereits hergestellt. Selbst diese sind aber eingebunden in ihre Systeme, die sie auf monströse Weise daran hindern, sie zu ändern.“ Denn offenbar haben wir es auch mit einer Gesetzgebung zu tun, die mit zweierlei Maß mißt. Wenn man sich an den EWG-Harmonisierungsvertrag erinnert, der Stabilität und Qualitätssicherung in die Handelsbeziehungen bringen sollte, so gibt es zwar umfangreiche Richtlinien und Regulierungsmaßnahmen für die Realwirtschaft,im Hinblick auf Produkthaftung, Arbeits-, Verbraucher- und Umweltschutz. Diese scheinen jedoch für die Finanzwirtschaft nicht zu greifen bzw. sind nicht vorgesehen. Dann fragt sich doch, wer haftet für Folgen von Geistesprodukten z.B. von Ökonomen,Juristen,Politikern et al, die mit ihren unsäglichen Torheiten die Wirtschaft und damit ganze Gesellschaften in den Ruin treiben? Welche Chancen haben Menschen an der Basis, die längst anders denken, diesen monströsen Wahn noch zu stoppen, bevor es spät ist? Gäbe es nicht doch Möglichkeiten, ihre Tools schneller einer breiteren Öffentlichkeit zum Umdenken zuzuführen?

    1. Für falsche Theorien haftet bisher niemand. Zu Zeit fokussieren wir unsere ganze Kraft darauf, die Leader zu informieren, denn diese haben die Macht, die Lage zu verändern.
      Die breitere Öffentlichkeit zu informieren kostet uns viel Zeit und auch Geld. Sie würde derzeit mit unseren Tools kaum genug bewirken können, denn es müssen die grossen Hebel bewegt werden. Am schnellsten geht es in den grossen Wirtschaftsunternehmen, weil deren Führer am ehesten die althergebrachten Bedingungen rasch ändern können.

      1. Die Strategie, mit den Wirtschaftsführern anzufangen macht Sinn. Allerdings ist der Malik Approach ja auch für die breite Öffentlichkeit verfügbar, man nenne mir eine Unternehmensberatung die ihr know how so offen zur Verfügung stellt wie Malik. Malik hat höchstens ein Marketingproblem, da er im Presse-Mainstream kaum vertreten ist, und ihn daher niemand kennt. Die breite Öffentlichkeit ist daher gut beraten, proaktiv zu werden und sich selbst zu helfen, und sich das notwendige Know-How zu verschaffen. Und wer weiss, wenn die Wirtschaftsführer dann hoffentlich wirklich überzeugt sind, haben sie dann schon ein paar kompetente Leute mehr, die sie einstellen können. Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott. Abwarten und Lamentieren bringt gar nichts.

        1. Mir ist nicht klar, was Sie mit „breite Öffentlichkeit“ meinen. Aber ich stimme Ihnen zu, dass die Leute sich auch selbst helfen müssen. Meine Pressepräsenz habe ich bei Ausbruch der Krise selbst zurückgenommen, weil ich lange vorher dazu alles gesagt hatte, und eine Weile lang zuschaute, was andere so von sich geben. Stimmen gibt es viele, Substanz hingegen kaum. Unser Marketing spielt sich nicht in der Öffentlichkeit ab, sondern vorerst. auf den obersten Entscheidungsebenen, denn diese müssen wir erreichen, um rasche Wirkung zu erzielen. Diese Antwort schreibe ich Ihnen aus Athen, wo ich zur Zeit mit Mitgliedern der neuen Regierung spreche.

  5. zwischenkommentar: ich gehöre auch zu den deflationisten, aber was wir die letzen zwei wochen gesehen haben, zeigt, dass wir erst am anfang der spirale stehen. die indikatoren, die fed-entscheidung, die eu-rats-entscheidung und die gesamte lage war/ist soo mies, dass der markt viel viel mehr hätte nach unten gehen müssen. wieso kam das nicht????? (vielleicht nächste woche). wenn ich mir bernanki anhöre, dann sehe ich zudem, und das ist das eigentlich bedenkliche, dass wir schon fast an dem punkt sind, wo er und der markt überlegen, ob gelddrucken überhaupt noch was bringt. aber eben nur fast, weil der markt sonst runtergerauscht wäre. (sind die marktteilnehmer denn alle blöde? 🙂 ich weiß es nicht?? was sagen sie herr malik?

  6. Lieber Herr Professor Malik

    Ich bin einfach nur sprachlos ob Ihres offensichtlich groben Unverständnisses des Marktprinzips. Markt heißt: Millionen einzelner Menschen machen sich Gedanken über Lösungen. Sie entscheiden für sich, was sie für das Beste halten, und handeln danach. Der Vorteil liegt darin, dass nicht EINE Entscheidung getroffen wird, sondern unzählige. Davon werden einige richtig sein, einige falsch. In die nächste „Iterationsstufe“ fließen genau diese Erkenntnisse ein.

    Wenn Sie heute ein Versagen dieses Prinzips zu beobachten glauben, dann vor allem, weil es nicht praktiziert wird: in der Politik nicht, und in Großunternehmen allzu häufig auch nicht. Die gesamte heutige Krise resultiert daraus, dass schlaue Menschen meinten, ein Geldsystem planen zu können, „den richtigen“ Zinssatz und „die richtige“ Geldmenge zu kennen.

    Markt ist Evolution – Planung ist (ab einem gewissen Level von Komplexität) Hybris.

    Mit besten Grüßen
    Bernd Lessing

    1. Das ist mir bestens bekannt und schon alles auch richtig, so weit es eben reicht. Aber es reicht eben nicht weit genug und genügt daher nicht mehr für die heutigen Herausforderungen. Für Entscheidungen über den Bau von Kraftwerken, Fabriken für Airbusse und für Infrastruktur, die eine Bauzeit und Funktionsdauer von 30 – 50 Jahren hat, sagen die Marktsignale von heute rein gar nichts aus. Zum Glück haben wir aber heute Informationen über die strategische Navigation und Positionierung, die sich die bisherigen Markttheoretiker gar nicht vorstellen konnten. Deswegen können diese ja auch nicht verstehen und erklären, warum die sogenannten Finanzmärkte so kläglich versagt haben. Denn so gut wie alle haben entweder stillschweigend zugeschaut oder aktiv mitgeholfen, das Finanz-Un-System zu bauen oder entstehen zu lassen. Sie dürfen meine Positionen zu evolutionären Systemen gerne in meinem Buch „Strategie des Managements komplexer Systeme – Ein Beitrag zur Managementkybernetik evolutionärer Systeme“ nachlesen.

      1. Lieber Herr Professor Malik

        Ich habe bereits einiges von Ihnen gelesen und stimme Ihnen aus einer Management-Perspektive auch durchaus zu: Mit den richtigen Methoden wird Management ungleich effektiver als ohne diese. Allerdings bewegt sich die Diskussion auf einer etwas anderen Ebene: Sind die von Ihnen beschriebenen Tools wirksamer in einem Marktkontext, wo viele Menschen über die Zukunft nachdenken und mit eigenen Ressourcen Entscheidungen für sich und ihr Unternehmen treffen – oder in einem zentralistisch-monopolistischen Kontext, wo einige wenige Politiker und „Experten“ „one size fits all“-Entscheidungen für alle treffen?

        Zur aktuellen Finanzkrise nur soviel: Ein freier Markt hätte die Spekulationsblasen bereits viel früher und mit geringem Schaden platzen lassen. Die Krise entstand maßgeblich durch marktfremde Aktivitäten und Anreizstrukturen – von künstlichen Zinssätzen, über Staatsverschuldung bis hin zur Bankenrettung („too big to fail“). Das ist weiß Gott kein Marktversagen.

        Beste Grüße
        Bernd Lessing

        1. Lieber Herr Lessing, ich komme gerade von einem Abendessen mit griechischen Ministern und Ökonomen zum Abschluss einer Konferenz des Economist in Athen. Daher finde ich Ihr Posting besonders interessant, das eine der Grundfragen aufwirft. Die Alternative stellt sich aber nicht nur so, wie Sie sie beschreiben. In den engen Grenzen, wo ein Signalsystem eben funktionieren kann, das nur wenige und nur kurzfristige Signale erzeugen kann – im wesentlichen nur gegenwärtige relative Preise, Kosten und Gewinne, sowie die heutigen Aktienkurse, Zinssätze und Wechselkurse. Schon für eine kurze Zukunft sagen diese aber zu wenig aus, um Entscheidungen zu treffen, deren Wirkungen über diese kurze Sicht hinausreichen. Hätten wir eine Pharmaindustrie unter diesen Umständen? Und wie müsste in der Welt mit 5, 6, oder 7 grossen Playern mit ganz unterschiedlichen Interessen ein solcher Markt mit wirksamer Konkurrenz aussehen? Was ist marktfremd und was gehört noch dazu? Was sagt die Tatsache, dass es in der Geschichte einen Markt dieser Art noch nie für längere Zeit gab? Ich sage mal kühn, dass es in einem Markt keine grundlegenden Innovationen geben würde, denn aus den Marktkräften allein entstehen diese nicht. Gerade weil ich entschieden für den Markt als Entdeckungsverfahren eintrete, darf ich seine Mängel nicht ignorieren, denn sonst verlieren wir den Evolutionsprozess und bleiben auf den Mängeln sitzen.

        2. Lieber Professor Malik

          Ich gebe Ihnen Recht, dass die Signale, die der Markt gibt, nicht perfekt sind. Doch was ist in diesem Kontext „der Markt“? Es sind komplexe Realitäten, zahllose Fakten, die es zu interpretieren gilt. Das können am Ende nur Menschen machen. Und das Besondere am Markt ist nun mal, dass viele Menschen sich Gedanken machen und ihre Entscheidungen treffen. Ein Politiker hat auch keine besseren Informationen – und vor allem muss er sich für EIN Szenario entscheiden, wohingegen jeder Marktteilnehmer für sich entscheidet. Schauen Sie sich die Natur und die Evolution hat: Hier geht es nur um Experimentieren und Vielfalt. Nur dadurch entsteht Fortschritt und Innovation. Ich behaupte, dass es primär die Marktkräfte sind, die Innovationen in einem effizienten Prozess schaffen. Natürlich kann man auch unter Verletzung der Marktregeln Innovation erzwingen – doch nur um den Preis einer mehr oder minder groben Fehlallokation von Ressourcen.

          Ja, gewisse Spielregeln braucht der Markt. Aber im Kern lässt er sich nicht durch zentralistische Planung ersetzen. GERADE in komplexen Systemen sind Vielfalt, Experimente und organische Strukturen überlegen.

          Viele Grüße
          Bernd Lessing

          1. Die Signale sind nicht nur nicht perfekt, das wäre kein Problem, sondern sie sind für immer mehr Entscheidungen irrelevant ..Noch wichtiger ist aber, dass der Markt gerade jene Signale gar nicht liefern kann, die man für strategische Entscheidungen braucht.

    2. Hallo Herr Lessing,
      Sie beschreiben, wie der klassische homo oeconomicus handeln würde (bzw. nach etablierten Vorstellungen handeln sollte), damit der ideale Markt funktioniert.
      Nun setzt sich allerdings seit einigen Jahren die Erkenntnis durch, dass die allermeisten Menschen nicht so handeln wie der homo oeconomicus der Theorie, und zwar unabhängig von ihrer sozialen oder hierarchischen Position; und dass es mit ideal funktionierenden Märkten erfahrungsgemäß auch nicht so weit her ist.
      „When we turn to actual human beings, we find, instead of robot-like logic, all manner of irrational, self-sabotaging, and even altruistic behavior. This is such a routine observation that it has been made for centuries (…)“, schreibt Craig Lambert im Harvard Magazine March-April 2006.
      http://harvardmagazine.com/2006/03/the-marketplace-of-perce.html
      Viele Grüße
      Michael Mayer

      1. Hallo Herr Mayer

        Diese „Erkenntnis“ ist nicht neu, schon Keynes hat vor gefühlt 100 Jahren vor den „Animal Instincts“ gewarnt. Bemerkenswerterweise sind es jedoch immer die gleichen Leute, die einerseits dem Markt und damit der Mehrheit der Menschen die Fähigkeit zu einem zielführenden Handeln absprechen, gleichzeitig aber offenbar Experten und Eliten (vor allem Poliker) für derart weise halten, dass sie dieses Problem überwinden und für die ganze Menschheit gute Entscheidungen treffen können. Nur spricht die gesamte Lebenserfahrung dummerweise dagegen – vom Scheitern der sowjetischen Planwirtschaft bis hin zum Versagen der Politik im Handling der aktuellen Krise (die sie ja – siehe Staatsverschuldung – zu allem Überfluss auch noch maßgeblich selbst verursacht hat).

        Viele Grüße
        Bernd Lessing

    1. Vielen Dank Herr Podlech für den Link zum aktuellen ESM Vertrag. Sollte dieser vom Bundesverfassungsgericht nicht doch noch gestoppt werden, wird sich die Aufwärtsbewegung an den Finanzmärkten zunächst einmal weiter fortsetzten.

      Ob diese Bewegung Bestand hat, wird sich zeigen müssen.
      Sie, Herr geehrter Professor Malik sind ja weiterhin bzw. seit langem knallharter Deflationist. Die gemeinsame Haftung Aller, für alle Schulden wird das Kapitalismus-Spiel aber noch mal eine Runde weiterlaufen lassen (mit steigenden Preisen für Aktien, Gold…)

      Wann alles kippt? Keine Ahnung, je nach dem welche Maßnahmen die Politik-/Finanzelite noch aus dem Köcher hervorzaubert.

      Schöne Grüße
      C. Pertschy

  7. neulich gab es eine Meldung, dass ein wohlhabender Grieche eine Aktion gestartet hat: Griechische Bürger sollen Spenden damit eine Stiftung doe griechischen Staatsanleihen aufkaufen kann. Wenn genügend Anleihen aufgekauft sind wird die Stiftung dem Staat die Schulden erlassen.
    Nun – ich finde die Idee so unkonventionell dass diese Idee mich schon deswegen begeistert. Herr Malik was halten Sie von dieser Idee? Könnte das ein nützlicher Baustein in einer Lösung sein oder ist das eher kontraproduktiv? Baustein und nicht alleinige Lösung weil ja dadurch die Organisationen noch nicht besser funktionieren. Das bringt mich jetzt spontan auf eine weitere Idee: So eine Art Effektivitäts-Contracting:
    Sobald eine staatliche Organisation durch besseres Management effektiver wird = Kosten einspart wird das eingesparte Geld zum Aufkauf weiterer griechischer Staatsanleihen verwendet.

    1. Ein wohlhabender Grieche macht noch keinen Sommer. Der gewöhnliche Grieche betrachtet den Staat als ideales Objekt, an dem er sich, quasi legal, bereichern kann. Eher kommt ein Kamel durch das Nadelör, als das eine Grieche dem Staat freiwillig einen Penny gibt. Diese Sache betrifft also nur
      eine krasse Minderheit. Eigentlich müßte ein ganzes Volk total in seiner
      Denke umgepolt werden. Kämen größere Beträge ins Spiel, würden sich die
      Verhältnisse beim Aufkauf auch stark verändern und die Sache wäre weit weniger lukrativ. Die könnten aber auch durchaus eine Amnestie ins Auge fassen, um an die hohen Fluchtgelder zu kommen. Dazu braucht man aber einen
      echten Pranger und echten Knast um echte Reaktionen zu erzeugen. Das Grundproblem ist damit aber keineswegs erledigt: Die Differgenz zwischen
      erbrachter Leistung und Lebensstandard. Diese Lücke kann durch Ihre Tools,
      Herr Prof. Malik, geschlossen werden. „Glück auf!“

        1. Aktuell:“Die französische Zentralbank will €754 Mio an Zinszahlungen aus griechischen Staatsanleihen an Griechenland übergeben, um damit das Land finanziell zu entlasten, wie „ekathimerini“ berichtet“ Nur, haben die
          Franzosen gerade erst ihre Defizitziele grandios gerissen und planen Steuererhöhungen? Ganz schön großzügig, wie auch total verkehrt. Besser wäre es, diese Erträge mit den deutschen zu poolen únd dann wirklich systematisch und namhaft Griechenschulden einzusammeln und anschließend zu vernichten. Etwas davon sollte aber für eine große Medienkampange verwendet werden. In der wird dem griechischen Volk klargemacht, wir haben uns nicht an Euren Zinszahlungen bereichert, sondern Euch von Lasten alter Schulden-sünden befreit! Wenn Ihr von uns Solidarität einfordert, macht es uns nach und spendet für Euer Land, damit auch Ihr Eure Schulden billig tilgt! Andere Länder unter dem Schirmen können das auch praktizieren. In I ist der Privatsektor reicher als in D. Bitte liebe Italiener, redet nicht nur über Euer Bella Italia. Tut was dafür. Begleich Eure Rechnungen selbst! Wenn es dann nicht reicht, könnt Ihr Hilfe rufen! Gesunder
          Menschenverstand ist Mangelware.

  8. Mal ehrlich, man bekommt nur noch einen Lachkrampf, wenn von idealen Marktverhältnissen gesprochen wird, bei denen sich Angebot und Nachfrage in angemessenen Preisen einpendeln. Wir haben es überall nur noch mit Schiebereien zu tun. Wenn das mal so erscheint, als wenn sich ein faires Bild ergibt, hat man die krummen Sachen nur noch nicht entdeckt. Jüngstes Beispiel geben die Libormanipulationen. Wir, die Banken, waschen unsere Hände in Unschuld, die Bank von England hat uns angestiftet und diese wiederum die höchste politische Führung… Das Gewäsch vom freien Markt kann man sich echt sparen. Wenn die diversen Libors zurechtgestrickt werden, die einen 400 000 Mrd Schuldensektor betreffen, werden auch noch mehr Sektoren frisiert. Aktien bieten sich an und ich sehe mich in meinen Vermutungen bestätigt. Dito auch Immobilien. In ES habe das ich schon 2005 gesehen. Was ich kleiner Tropf sehe, müssten doch die kompetenten Banken noch früher auf dem Radar haben und reagieren. Nadelstreifen sind Warnzeichen!!!

    1. Hallo Herr Clasen

      Der heute existierende „Finanzmarkt“ hat mit freien Märkten nichts zu tun. Hier regiert die Politik: Sie schreibt Papiergeld als Einheitwährung vor – und verbietet den Wettbewerb der Währung. Sie legt den Leitzins fest – statt diesen Markt entstehen zu lassen. Sie bestimmt die Geldmenge – und produziert damit eine permanente Inflation. Wenn sich Einzelne in diesem „Ökosystem“ marktgerecht verhalten, führt das noch lange nicht zu einem funktionierenden Markt.

      Viele Grüße
      Bernd Lessing

      1. Herr Blessing, für die derzeitige Lage haben Sie recht. Vorher jedoch, ab Beginn 1990er Jahre, gab es eine so gut wie perfekte Marktwirtschaft – das neoliberale Modell. Das Ergebnis sehen wir jetzt. Dass die Politik heute grässlich falsch reagiert, ändert an den wahren Ursachen aber nichts. Übrigens folgt die Politik fast ausschliesslich den Empfehlungen von Ökonomen …

        1. Lieber Herr Prof. Malik

          Ich stimme Ihnen zu, dass sich der staatliche Interventionismus in den letzten Jahren im Rahmen der Krise drastisch verstärkt hat.

          ABER: Das grundlegende Übel ist – insbesondere in Bezug auf das Finanzsystem – gut 100 Jahre alt. Am markantesten sehen Sie das in den USA: Dort gab es bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts eine Währung, die war nicht „irgendwie goldgedeckt“, das Geld WAR Gold. Es gab keine „Geldpolitik“ und keinen Lender of last resort. Wenn eine Bank Mist gebaut hat, ging sie Pleite.

          Dann kam 1913 die Fed – und das Übel nahm in mehreren Stufen seinen Lauf. M.E. ist die heutige Krise nicht mehr und nicht weniger als die logische, vielleicht zwingende Folge dieser Entwicklung. Papiergeld (oder vielmehr: der vollständige Ersatz von Geld durch Kredit), Notenbanken, Leitzinsen, Monetarismus sind die Wurzel des Problems. Ein System auf dieser Basis KANN nicht mehr als Markt funktionieren.

          Gekoppelt mit einer seit Jahrzehnten konsequenten keynesianischen Finanzpolitik (die auch durch Reagan/Thatcher nur minimal gedämpft wurde) führt das irgendwann zum Kollaps. Da ist ein (pervertierter) Markt höchstens Mittäter.

          Beste Grüße
          Bernd Lessing

          1. Ihrer geschichtlichen Darstellung stimme ich zu. Nicht hingegen der Goldwährung. Die Lösung vom Gold hat eine enorme Wirtschaftsexpansion ermöglicht, wodurch es Abermillionen von Menschen besser ging und geht. Die Manipulationsmöglichkeiten sind zwar durch die Preisgabe des Goldstandards auch grösser geworden, aber andererseits ist ja niemand gezwungen, exzessive Schulden zu machen, schon gar nicht für privaten Konsum. Wenn die Zinsen auf Hypotheken billig werden, heisst es doch nicht, dass ich Hypotheken nehmen muss, um mich relativ zum Einkommen hoffnungslos auf mein ganzes Leben zu verschulden, oder dass ich Aktien auf Kredit kaufen muss.

            Davon aber unabhängig sind meine Argumente, dass der Markt heute nicht mehr ausreichend funktioniert:
            1. Der Markt hat noch nie eine funktionierende Gesellschaft geschaffen, sondern er setzt diese voraus. Also darf man sich auf den Markt in dieser Hinsicht nicht verlassen. Das Gegenteil aber wurde seit Beginn der 1990er Jahre behauptet, und die Mehrheit der Ökonomen hat den Menschen und den Regierungen das eingeredet. Dort liegt eine grosse Verantwortung und Schuld.
            2. Die Signale, die der Markt produzieren kann, genügt nicht für die Entscheidungen, die nötig sind, um grosse Organisationen zu lenken und zu gestalten. Im Gegenteil werden diese dadurch systematisch
            fehlgeleitet, und daher kommt es auch zur Fehlallokation der wichtigtsten gesellschaftlichen Ressourcen – Kapital und Menschen.
            3. Hinzu kommt, dass Finanzmärkte (im Gegensatz zu realwirtschaftlichen Märkten) von ihrer Natur her gerade keine sich selbstregulierenden Systeme sind, sondern sie sind sich selbst zerstörende Märkte, denn sie sind wesensgemäss falsch programmiert.

        2. Hallo Herr Prof. Malik,

          ich weiss, dass vollkommen freie Märkte wahrscheinlich eine Utopie sind, aber das „neo-liberale“ Modell war sicherlich nicht so gut wie frei. GAnz davon abgesehen, dass der Begriff „neo-liberal“ falsch verwandt wird (hier sollte man mal klar definieren, ähnlich wie mit vielen Managementbegriffen), kann eine Marktwirtschaft nicht als frei gelten, wenn die Basis (das Geld) quasi vollverstaatlicht ist (also kein MArkt) und dann auch noch als Zwangszahlungsmittel durchgedrückt wird. Die Willkür der Zinssätze ist ebenfalls nicht marktgeregelt. Hier fehlen die selbstregulierenden Mechnismen, welche ein Markt (wenn auch nur als nachfolgende Korrektur) hat. Die Geschichte mit den Libor-Sätzen zeigt u.a. wie dort von verschiedenen Gruppen (Politik, Banken…) manipuliert wird.
          Ich denke einen freien Markt hatten wir in den letzten 60 Jahren sicherlich nicht.

          Gruss

          1. Lieber Herr Lass,
            vollkommene Märkte sind ein Widerspruch in sich selbst, denn wenn der Markt im Sinne der Ökonomie vollkommen wäre, würde er zum Stillstand kommen, niemand würde mehr etwas verdienen, und das Wirtschaften käme zum erliegen. Auch stimme ich zu, dass der Begriff „neoliberal“ irreführend ist, und dass der Neoliberalismus weit vom echten Liberalismus entfernt ist, worüber ich schon in den 1990er Jahren viel geschrieben habe, und seither regelmässig auch in meinen jüngeren Büchern. Dennoch war der neoliberale Markt von vielen vorherigen Fesseln befreit, allerdings auch von jenen Regeln, die ihn eben nachhaltig und stabil selbstregulierend machen hätten können. Meine kritischen Markt-Argumente gehen aber in eine andere Richtung, weil ich u. a. an der Unternehmensführung ansetze.
            Sehen Sie dazu auch meine Antwort auf Herrn Lessing.

        3. Lieber Prof. Malik

          Tatsächlich hat die Loslösung vom Gold eine im Vergleich zu vorher sehr viel schnellere Steigerung der Lebensstandards ermöglicht – gerade eben WEIL Kredite in höherem Ausmaß vergeben werden konnten. Der Preis dieser schnellen Expansion sind jedoch massive Fehlallokationen, die sich nicht nur im rein ökonomischen Umfeld bewegen, sondern sich vor allem auch in einem ausufernden (Sozial-)Staat manifestieren.

          In der Tat zwingt die Verfügbarkeit billigen Geldes niemanden dazu, einen Kredit aufzunehmen – das gilt für den privaten Schuldner wie für den Staat. Doch beide tun es. Das billige Geld schafft Fehlanreize, es verführt dazu, die Möglichkeit zu nutzen. Und das genügt bereits, um den Markt in eine Richtung zu steuern, die ungesund ist.

          Zur Selbstregulierungskraft von Finanzmärkten: Die wesentliche Voraussetzung für das Funktionieren eines Marktes ist das Funktionieren von Preisen und daher die Begrenztheit des zugrundeliegenden Gutes. Wo ein Gut unendlich verfügbar ist, können Marktprinzipien nicht funktionieren. Solange Geld gleich Gold war, haben sich Blasen schnell und hart korrigiert – heute passiert das nicht mehr.

          Beste Grüße
          Bernd Lessing

          1. Mir scheint, Herr Lessing, wir kommen uns näher. Je mehr man von freien Märkten versteht, desto besser sieht man auch deren Begrenzungen und Mängel, wenn sie in einer realen Welt und nicht nur als abstraktes Modell funktionieren sollen. So kann man dann auch besser Lösungen finden, die diese Mängel ausgleichen. Unter anderem sehe ich die Unternehmensaufsicht (Aufsichtsrat, Verwaltungsrat) als eine Zwillingsinstitution des Marktes, die einige wichtige seiner Mängel ausgleichen kann, ohne auch nur im geringsten das wünschenswerte Funktionieren des Marktes zu beeinträchtigen. Dazu mehr in meinem Buch „Die richtige Corporate Governance“, 2008.

        4. Lieber Prof. Malik

          In der Tat, wir nähern uns an. Ganz wichtig scheint mir eine saubere Definition dessen zu sein, was man unter „Markt“ versteht. Lassen Sie es mich an Franz Oppenheimer festmachen, der zwischen „politischen“ und „ökonomischen“ Mitteln unterscheidet. „Markt“ meint alles, wo Menschen auf freiwilliger Basis für sich Entscheidungen treffen. Die Grundlage dafür sind alle Erkenntnisse, die derjenige aus seinen Erfahrungen und der Wahrnehmung der Realität zieht – die (gegenwärtigen) Preise und die Annahme künftiger Preise sind nur ein kleiner Teil dessen.

          Auch die politische Sphäre hat kein umfangreicheres Erkenntnisinstrumentarium zur Verfügung. Doch während „der Markt“ aus einer Vielzahl handelnder Personen besteht, fehlt es der Politik an eben dieser Vielfalt. Wirklich schlimm wird das nun dadurch, dass „der Markt“ nicht EINE Entscheidung trifft, sondern sehr viele unterschiedliche – während „die Politik“ im Regelfall EINE einheitliche Antwort auf eine Frage finden muss.

          Und insofern sind alle Strukturen, die die Vielfalt nicht gefährden und auf Freiwilligkeit basieren – also auch Aufsichtsräte – ein gesunder Teil des Marktes.

          Beste Grüße
          Bernd Lessing

          1. Mir geht es weniger um den Vergleich „Markt“ – „Politik“. Da sind wir ähnlicher Meinung. Eine der Herausforderungen für eine moderne Gesellschaft sind Entscheidungen, deren Verwirklichung und Folgen sehr weit in die Zukunft reichen, z. B. Infrastruktur. Dafür fehlt das relevante Wissen fast immer. Daher sind hohe Risiken damit verbunden. Man könnte also nur sagen – was manche tun – dann wird eine solche Infrastruktur eben nicht gebaut, weil das Risiko niemand übernehmen wird. Man kann ebenso sagen, dass der Markt ergänzt werden muss durch politische Bedingungen, die solche Entscheidungen möglich machen.

        5. Ok, verstanden. Allerdings frage ich mich, was der richtige Kontext für derart langfristige Entscheidungen ist. Nehmen wir die alternativen Energien:

          Hier waren die Preise initial so hoch und die Nachfrage so gering, dass der Markt selbst das Thema nicht ins Rollen brachte. Also hat sich der Staat mit Subventionen eingemischt. Was z.B. in Deutschland dazu führte, dass eine besonders teure Form der Alternativenergie (Photovoltaik) extrem gefördert wurde – und dabei mit Sicherheit alternative, kreative Formen auf der Strecke geblieben sind.

          Meines Erachtens ist jeder Fortschritt nur durch Knowhow, Kreativität und Produktivität zu erreichen. Es gibt, was der Staat hier beisteuern kann.

          In Bezug auf langfristige Zukunftsinvestitionen wäre wahrscheinlich der beste Beitrag des Staates ein sofortiger Stop der Neuverschuldung: Die Ersparnisse, die bisher in Staatsanleihen flossen (so ziemlich die unproduktivste aller denkbaren Anlangeformen), würden sich dann neue Anlagemöglichkeiten suchen – und damit zu Investitionskapital für echte, langfristige Innovationen werden.

          1. Sie sagen richtig, dass der Markt allein die Energie-Innovationen nicht ins Rollen gebracht hätte. Dennoch brauchen wir diese wahrscheinlich. Dass nun die Politik wahrscheinlich falsche Entscheidungen getroffen hat, liegt u. a. daran, dass der Politik die geeigneten Entscheidungs-Tools fehlen. Sie trifft mit den Verfahren und Methoden aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts Entscheidungen für das 21. und 22. Jahrhundert. So kommen also gleich 2 fundamentale Mängel zusammen: jene des Marktes und jene der Politik. Da wir die neuen Lösungen haben und schon x-fach anwenden, springen mir solche Mängel ins Auge.

        6. Das ist ein sehr, sehr guter Punkt! Die Kombination aus (a) systematischen Mängeln der Politik (zentralistische Entscheidungen) und (b) Management-Methoden aus der Vergangenheit ist die m.E. bisher beste Erklärung für die aktuelle Situation und die hilflosen „Rettungsversuche“.

          Die beiden Dinge hängen aber sicher zusammen, denn (a) bringt eine strukturelle Resistenz gegen Veränderungen bei (b) mit sich – und (b) braucht zum optimalen Funktionieren ein „experimentelles“ Umfeld. Denn – korrigieren Sie, mich wenn ich Sie hier falsch interpretiere – das Malik-System besteht ja vor allem aus Methoden und Tools, aber eben nicht vordefinierten Inhalten und Ergebnissen – und wird daher in heterogenen, komplexen Systemen auch nicht zu EINER sondern einer Vielzahl von Lösungen führen.

          Nochmal auf einer etwas abstrakteren Ebene: Auf betriebswirtschaftlicher Ebene bin ich fest von der Richtigkeit Ihrer Methoden überzeugt. Anknüpfend an meinen letzten Beitrag glaube ich jedoch, dass man bei JEDEM Versuch der aktiven, rein makroökonomischen Steuerung aufgrund der Systemkomplexität scheitern wird – und seien die Methoden noch so gut.

        7. ### Stichwort Energie-Innovationen / Energiewende – Subventionen ###

          da springe ich an 🙁
          Was hier passiert ist – und das vor allem in Deutschland – wird uns wahrscheinlich in naher Zukunft noch einige Katastrophen bescheren. Ich beschäftige mich mit diesem Thema seit über einem Jahr, beginnend mit der Auseinandersetzung mit der verordneten Einführung von intelligenten Stromzählern bin ich auf das Thema Blackout gestoßen und schreibe jetzt meine Masterarbeit zum Thema Krisenmanagement. Die unsystemischen Eingriffe in das komplexe europäische Stromnetz werden sich ziemlich rächen – die kritischen Netzzustände steigen massiv an, damit auch die Chance, dass es zu einem Systemversagen und einem Blackout – einem plötzlichen, großräumigen und länger andauerndem Stromausfall. Die Folgen wären katastrophal, da unsere Gesellschaften auf ein derartiges Szenario nicht vorbereitet sind und der volkswirtschaftliche Schaden die Vorstellungskraft für viele bei weitem übersteigt. Und das alles nur, weil kurzsichtige markt/politische Eingriffe erfolgen, ohne das Gesamtsystem verstanden zu haben.

        8. Heute gab es einen guten Artikel dazu: Nadelöhr der Energiewende: Windrad sucht Anschluss http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/1263197/Nadeloehr-der-Energiewende_Windrad-sucht-Anschluss

          Wie kann man auf die Idee kommen, irgendwohin Kraftwerke zu bauen, ohne zu wissen, wie man den produzierten Strom dorthin bringt, wo er auch gebraucht wird???

          Eine Zusammenfassung (Entwurf) zur Stromversorgung habe ich hier bereitgestellt, sollte es wen interessieren:
          http://kabelwerker.net/Die%20Stromversorgung%20-%20Lebensader%20einer%20modernen%20Gesellschaft.pdf

          Die Arbeiten zu den Themen
          Smart Metering und mögliche Auswirkungen auf die nationale Sicherheit und
          Blackout – Eine nationale Herausforderung bereits vor der Krise
          finden sich auf der Homepage
          http://www.cybersecurityaustria.at

          Zusammengefasst kann gesagt werden, dass wir nicht nur im Wirtschafts- und Finanzsektor einen nahen Zusammenbruch erwarten müssen, sondern auch im Infrastrukturbereich – durch zahlreiche unkybernetische Entscheidungen.

  9. Mein Interesse an und Verständnis von Systemen begann mit einem Buch von Frederik Vester: „Ballungsgebiete in der Krise – vom Verstehen und Planen menschlicher Lebensräume“. Ich fände es an der Zeit das eine Reportage, ein Film, ein Buch „Finanzkrise“ (dieses Wort durchgestrichen) KOMPLEXITÄTSKRISE vom Verstehen und Steuern von Gesellschaften im 21 Jahrhundert herausgebracht wird.

    U.a. im Spiegel kann man heute lesen das Hans Werner Sinn zum Protest gegen den ESM usw. aufruft. Aus Sicht eines kybernetischen Systemanalytikers geht es ja nicht um eine Finanzkrise sondern um eine Komplexitätskrise. Jetzt wird Zeit und Energie darauf verwendet gegen den ESM zu protestieren was am eigentlichen Ziel vorbeigeht. Wie schätzen die anderen Blogleser das ein? Ist dieser Protest nun insgesamt zum Erkennen der eigentlichen Ursachen nützlich oder nicht? Ich finde nein. Es ist an der Zeit seinen Bundestagsabgeordneten über Kybernetik aufzuklären. Mit freundlichen Grüßen

    Stefan Ludwig

    1. Sie haben recht. Der Untertitel meines Strategiebuches lautet deshalb: Navigieren in der Komplexität der Neuen Welt.
      Und deswegen habe ich früh begonnen, die besten „Maschinen“ für das Meistern von Komplexität, Vernetzung und Change zu entwickeln.

    2. Zu H. W. Sinns ESM-Protest: ich verstehe nicht, weshalb es nützlich sein müsste, den ESM laufen zu lassen. Würde nicht gerade ein Stopp des ESM dazu führen, dass sich alle Eliten früher mit besseren Denkweisen auseinandersetzen müssten? Ein Bruch des Pfades ist doch das, was wir hier wollen? Wo liegt denn da mein Denkfehler?

      Mein persönliches Ziel, wetterfest zu werden, habe ich verstanden. An Prof. Malik aber die Fragen:
      – Sie werden helfen, die Institutionen wirksamer zu machen. Ihr Hauptziel?
      – Wird es schneller zur besseren Funktion von Institutionen kommen, wenn man jetzt die Vergesellschaftung aller Schulden gegen z. B. den deutschen Gläubiger zulässt?
      – Oder würde es schneller gehen, wenn der ESM scheitert und auffällt, dass ohne das „Geld“ der Deutschen andere Länder ihrer Insolvenz ins Auge schauen und dann neu angefangen werden kann?

      Meistens habe ich verstanden, was ich hier las, aber jetzt bin ich ganz verwirrt über die Aussage von Herrn Ludwig, dass der Protest gegen den ESM nichts bringt. Deshalb bitte ich um Antworten. Im Strategiebuch habe ich zum ESM noch nichts lesen können. Den gab es da ja noch nicht.

      1. Der ESM ist eine Fehlkonstruktion, wie alle bisherigen Hilfsmassnahmen, und wird daher nicht funktionieren. Man versucht dadurch, kranke Banken zu retten, ohne aber die nötigen Instrumente dafür zu haben. Der ESM wird von Steuergeldern finanziert. Also ändert sich auch nichts an der Belastung der Bürger. Nur die Wege dazu sind verschieden, und durch den ESM werden sie stärker unkontrollierbar und unsteuerbar. Ökonomische Lösungen zeichnen sich erst ab, wenn man konsequent die Haftung dorthin gibt, wo sie immer schon hingehört hat, nämlich zu den Aktionären und Gläubigern der Banken. Dann werden etwa 80% der Banken nicht überlegen. Somit verschwinden die Forderungen und auch die Schulden. Bei den heutigen Unsummen geht das nicht ohne Kettenreaktionen und grosse Schäden.

        Ich setze unter anderem, wie Sie richtig sagen, beim Funktionieren von Unternehmen und anderen Organisationen an. Wenn eine Firma so gut funktioniert, dass sie nur noch die Hälfte ihres heutigen Kapitales braucht, wird sie gut über die Runden kommen, und die Chancen des nächsten Aufschwunges perfekt nutzen können. Die anderen sind bis dahin untergegangen. Wer also das richtige „Medikament“ und den richtigen Rettungsring ergreift, wird sehr gut überleben. Die Unternehmen, Krankenhäuser, Schulden, Organisationen der Sozialsysteme usw. sind es ja, die die Dinge wirklich tun (!) – falsch oder eben richtig. Diese – und nicht die realitätsfernen Im-Nachhinein-Denker an Universitäten bringen die Rettung. Darum habe ich schon früh vorgeschlagen, den Ökonomie-Abteilungen der Universitäten klösterliches Stillschweigen zu verordnen. Dadurch wäre uns schon bisher viel Schaden erspart geblieben. Nur ganz wenige und ganz bestimmte Ökonomen würde ich als Regierungschef in meinem Stab haben wollen. Gunnar Heinsohn würde dazu gehören, und die Bücher von P. C. Martin wären Pflichtlektüre für mein Kabinett. Dafür würde ich den Ministern und ihren Staatssekretären 3 Tage timeout gönnen, mit der Auflage, in dieser Zeit diese Bücher zu lesen, und ausserdem auch 3 ausgewählte Bücher von Peter Drucker und Malik über effektives und richtiges Management.

        1. Zum Funktionieren: Eine faszinierende Welt, die sich da auftut, es gibt Hoffnung hinter dem Chaos von heute.

          Eine Idee wäre, wenn wir endlich negative Zinsen auf Guthaben bekämen, also auch nominal, dann würde der Druck immens, reales Wirtschaften zu bevorzugen. Dann lohnte es sich nicht mehr Geld für Geld arbeiten zu lassen.

          Stimmt’s?

        2. Die Idee negativer Zinsen (aka Schwundgeld) ist pervers.

          Es würde genügen, wenn Geld nicht mehr aus dem Nichts geschöpft werden könnte, dann würden Zinsen automatisch nur noch da gezahlt, wo reale Wertschöpfung stattfindet. Übrigens wäre es dann auch vorbei mit der Staatsverschuldung, da der Staat Geld im Regelfall nicht produktiv investiert.

        3. Jedes Mal, wenn ein Kreditkontrakt eingegangen wird, wird Geld aus dem Nichts geschöpft. Eine Schuldforderung ist etwas Immaterielles und kann nicht an irgendwelche realen Güter gebunden werden, wenn sich die Kreditparteien daran nicht halten wollen.

          Die EZB soll de jure auch nur erstklassige Sicherheiten annehmen. Wenn sie aber jeden Ramsch hineinnimmt, dann ist es mit der Bindung an die Realwirtschaft vorbei.

          Ich halte übrigens den Negativzins für bedenkenswert.

          Schließlich ist eines der Probleme ja, dass sich zuviel Geld bei einigen wenigen Akteuren ansammelt und sich darauf Zinsen auftürmen, anstatt dass Schuldforderungen durch realwirtschaftliche Tätigkeit entstehen und durch Leistung wieder vergehen.

          Jene Akteure wissen nicht mehr, wohin mit dem Geld, und fangen dann an, auf Nahrungsmittel zu spekulieren, gleich, wieviele Menschen dadurch verhungern müssen, oder sich „innovative Finanzprodukte“ zu kreieren, um ihre Forderungen zu vermehren.

          Das kann aber nicht Sinn der Sache sein.

  10. Diese Komplexitätskrise zu bewältigen, heißt doch die Zwischenräume zu nutzen und bisherige marode Strukturen mit einem differenzierten Netzwerk aus mit komplex vernetzter Struktur, aber mit kurzen Wegen, zu unterlaufen. Die Krise spielt sich doch noch weitestgehend in virtuellen Raum mit virtuellen Größen ab. Zurück auf den Boden der Realitäten mit Investitionen in die Realwirtschaft, das muss das Konzept sein. Vor allem auch um die Wirtschaft in Gang zu halten und Arbeitsplätze zu sichern. Inwieweit „Systemrelevanz“ von „to big to fail“-Global Players realiter überhaupt besteht, ist doch die große Frage. Hier wird doch ohnehin nur noch Fassadenpolitur betrieben. Was wäre beispielsweise mit Umgehungskreisläufen mit Bypass-Operationen zur vorübergehenden Überbrückung von Liquiditätsengpässen in der Realwirtschaft? Von Unternehmen zu Unternehmen für Unternehmen unter zeitweisem Ausschalten des maroden Finanzkreislaufs. Bei Operationen am offenen Herzen gelingt das doch auch.
    Nur dreht sich’s dabei realiter um Leben und Tod. Hallo??? Wir leben noch, stehen mit zwei Beinen auf dem Boden, können arbeiten und auch etwas bewegen. Die abstrusen EU-Kopfgeburten sind nur noch eine Farce.

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