Regierungsbildung: Und wieder Komplexität

F. Malik am Dienstag, 09.01.2018 um 13:17 Uhr
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In Zusammenhang mit der deutschen Regierungsbildung habe ich bereits zweimal über die Komplexität von Koalitionsverhandlungen und den Umgang mit Komplexität geschrieben.

In den aktuellen, neuen Verhandlungen sind Medienberichten zufolge 39 Personen mit den Sondierungen befasst. Wie hoch ist die Komplexität des gesamten Verhandlungs-Systems?

Zwischen 39 Personen gibt es rund 1500 Beziehungen. Jede dieser Beziehungen kann mindestens 2 Zustände haben: gut oder schlecht.

Daher ist das Mass für die Komplexität des Verhandlungs-Setups eine sehr grosse Zahl, nämlich 2 hoch 1500.

Im Web finden sich sogenannte „2 to the power generators“, z. B. http://www.hbnweb.de/mathematik/langezahl.html. Man wird staunen ob der Grösse der Zahl – aber man staunt nicht mehr ob der Schwierigkeiten der Regierungsbildung.

 

 

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24 Kommentare

  1. Stefan Ludwig

    Herr Prof. Malik,

    was meinen Sie wären die folgenden Aufgaben per Syntegration gut lösbar?
    Und wenn ja wann ist die Zeit gekommen anzubieten so eine Aufgabe wie „Eine Regierung bilden“ oder „Ein Regierungsprogramm erstellen“ per Syntegration zu lösen?

    mit freundlichen Grüßen

    Stefan Ludwig

    • F. Malik

      Ja, sie könnten gelöst werden, viel besser und schneller. Dagegen stehen derzeit noch alte Gewohnheiten, Rituale, auch Vorschriften, Protokoll und Etikette.

  2. Jürgen Clasen

    Herr Prof. Malik, sie denken zu nobel und formulieren den Problemumfang. Der wird nicht bewältigt. Wahrscheinlich
    ist er den Herrschaften weder bekannt noch bewußt. Politik ist wechselseitige Erpressung. Somit dreht es sich
    ausschließlich um dreckige Deals. Dabei kommt nix Halbes und nicht Ganzes raus. Der Progressionsbuckel bei der
    Steuererhebung wird eben nicht in beseitigt und durch einen konkaven Verlauf ersetzt. Der Familiennachzug wird
    ein bisschen zugelassen. Die Privatkrankenversicherung wird komplizierter, aber nicht abgeschafft. Es ist besser
    nichts zu erwarten, außer mehr Formulare und mehr Gängelung.

    • F. Malik

      Es sieht vieles danach aus, dass Sie Recht haben, Herr Claasen. Nun ist der Charakter dieser Probleme den Verhandlern mit Sicherheit nicht bekannt (und auch ausserhalb der Politik wissen das zu wenige.) Nun muss man die geeigneten Methoden dennoch zuerst mal ausprobieren, um zu sehen wie sie wirken.

  3. Jürgen Clasen

    Es gibt Dinge die sich nicht gescheit lösen lassen. Etwa 200 000 Asylanten, Flüchtlinge. Was bedeutet das? Das ist soviel wie der Großraum Mainz auf die Waage bringt. Bedeutet, wir müssten, um es glatt laufen zu lassen, allein soviel Wohnraum für diesen Personenkreis pro Jahr bauen. In den folgenden Jahren kommen ja immer wieder 200 000 hinzu. Daneben haben wir ja auch noch Rückstau beim Bedarf für die eigene Bevölkerung und für die schon Eingereisten . So viele Bauexperten, sind gar nicht auf dem Markt, ganz zu schweigen vom Hürdenlauf für Baugenehmigungen. Zeigt, dass auch die CSU sich auf dem Holzweg befindet. Auf der Basis 200000 wird es auf jeden Fall zu gesellschaftlichen Problemen kommen. Sie kommen vor dem finanziellen Black out. Eine tragfähige Lösung ist unmöglich, zumal die SPD, Grüne, Linke und Merkel die 200 000 Grenze ablehnen und in Hintergrund sabotieren.

  4. A.I.

    Sehr geehrter Prof. Malik,

    es sind aber nicht alle Fragen und alle Beziehungen gleich wichtig.

    Zweifelsohne sind solche Verhandlungen extrem komplex, aber bei aller Liebe zu den kleinen Details, die mir durch meine wissenschaftliche und technische Ausbildung und Berufstätigkeit zutiefst eingeimpft worden sind, sträubt sich in mir alles dagegen, alle Fragen und Beziehungen als gleich gewichtig anzusehen.

    Die Schwierigkeit sehe ich vielmehr darin, zu erkennen, welche Fragen und Beziehungen diejenigen sind, die für das Funktionieren unabdingbar sind.

    Vermeintlich unbedeutende Details haben schon ganze Flugzeuge zum Absturz gebracht.

    Die Antwort auf die Frage, auf wen und was es letztendlich ankommt, ist alles andere als trivial.

    Als Physiker sucht man immer zuerst nach der Handvoll Einflussgrößen, die das Verhalten eines Systems dominieren, um dann nach und nach Verfeinerungen am Modell anzubringen.

    Es gibt auch chaotische Systeme: Sollte man aber anstreben, dass eine Regierung so aufgebaut ist, dass kleinste Störungen im System zum kompletten Kollaps und zu völlig unvorhersagbarem Verhalten führen?

    Ich vermute, solche Regierungen wollen auch die Schweizer nicht.

    • F. Malik

      Nicht alle Beziehungen sind gleichwertig, ganz richtig. Deswegen habe ich nur 2 Qualitäten angenommen: gut und schlecht. Aber die Beziehungen sind da. Und das sind rund 1500. Alle 2er, 3er, 4er, 5er, 6er Gruppierungen usw. usw.

  5. Tim Kreisel

    @Fredmund Malik
    Ihr Artikel hat mir sehr gut gefallen.
    Nur sehe ich die Syntegration in der Privatwirtschaft zu Hause. In der Poltik glaube ich nur an ein Gelingen, wenn die Menschen kleine Stadt-Staaten akzeptieren. Ein Europa der tausend Lichtensein nach dem Gedankengut von Murray Rothbart, von Mises, etc. In den USA gab es in den 90er Jahren mehrere Konferenzen über die Zukunft Nation und dort ist mir besonders der Beitrag von Michael H. Hart im Gedächtnis geblieben. Dieser meinte (sehr kontrosvers vom Mainstream aufgenommen), die USA sollten sich in drei Staatn aufspalten (Sezession), da sonst unter den multinationalen Anwohnern ein Bürgerkrieg unvermeidbar sei (siehe Black Lives Matter etc.).
    Sehen sie überhaupt eine Zukunft für große Staatengebilde, dass würde mich doch sehr brennend interessieren.

    Liebe Grüße aus dem Ruhrgebiet.

    • F. Malik

      Danke für Ihren Beitrag. Ich sehe das unabhängig von der Grösse von Staaten. E. F. Schuhmacher und Leopold Kor haben über Kleinheit von Staaten ja sehr interessante Gedanken publiziert: „Small is beautiful“. Aber China zeigt ja doch, dass ein grosses Land bis jetzt auch ganz ordentlich funktionieren kann, eben auf andere Weise. Es hat dafür eine andere Gesellschaftsform, die ich selbst nicht vorziehen würde. Aber es funktioniert, in vielen Bereichen schlechter als wir und in vielen besser. Es geht mir nicht um die Grösse, sondern um die angewandten Problemlösungsprozesse. Dort sind die Syntegrationsverfahren allen bisherigen weit überlegen, aber noch ungewohnt.

  6. Jürgen Clasen

    Bei einem Spaziergang am Baldeneysee, sagte ich meinem Freund Rainer, ich versteh das nicht. Wieso setzt man bei den
    Verhandlungen nicht die besonders strittigen Themen an den Beginn und will erst am Ende damit anfangen? Das ist
    einfach nicht zu begreifen. Wie kann man sich freiwillig so unter Druck setzen und womöglich eine miese Lösung
    als Erfolg verkaufen müssen? Will man im Schweinsgalopp in der letzten halben Stunde darüber sprechen? Heute früh lese ich, man sei immer noch nicht zu Potte gekommen. Das läßt auf die Qualität der Verhandlungsführung schließen. Was fällt mir dazu ein? Kann man nur noch als Stümperei und Flickschusterei bezeichnen. Erwartet nichts mehr Gescheites.

    • F. Malik

      Nun scheint man ein Stück weiter zu sein. Mal sehen. Aber Sie habe Recht. Der Setup = Anzahl Personen, Verhandlungsmethode, Zeitpläne, tatsächliche Arbeitszeiten und Reihenfolge von Themen etc. – scheinen von aussen gesehen sehr dysfunktional zu sein. Hat das einen „höheren Zweck“? Was will man damit allensfalls erreichen?

      • Jürgen Clasen

        Die Akteure werden völlig überschätzt einschließlich Angela Merkel. Letztere wird besonders vom Ausland geschätzt und diese Wertschätzung ist gekauft. Ihre gegenwärtig Überforderung ist mit den Händen zugreifen, wie auch die von Martin Schulz, der einen selten gesehenen Schlingerkurs hinlegt. Die Sozialdemokraten verstehen es nicht. Eine Bürgerversicherung stellt nicht die Gleichheit her, von der sie träumen. In der Schweiz z.B.  wird es auch richtig teuer, wenn Versicherte aus eigenem Antrieb einfach ins Spital laufen. Weiter kapieren auch beide Seiten nicht, das der jährliche Import einer 200 000 Gross-
        stadt, die Sozialsysteme ungeheuer belasten und es immer enger werden muss bei Mietwohnungen. Sozialdemokratische Wähler, die meist auch Mieter sind, schießen ein Eigentor damit. Die gering- und mittelpreisige Mietobjekte werden zu teuer und sind am Ende nicht mehr verfügbar. Dann kriegen sie
        noch einen Tritt, wenn Migranten bevorzugt behandelt werden. Wir müssen noch sehr viel lernen!

        • Jürgen Clasen

          Prof. Dr. Gunnar Heinsohn: Migrations-„point of no return“ ist in Deutschland und Frankreich überschritten. Rate jungen Leuten, Eigentum zu verkaufen und auszuwandern (ZfU-Kapitalmarkttagung Zürich) / Quelle: Guidants News http://news.guidants.com

          Merkel, SPD, Grüne, Linke haben gewonnen.

          • Wolfgang Pfeifenberger

            Man muss sich mit dem Begriff der Performanz auseinandersetzen. Die deutsche Regierung und manch andere sind seit Jahren im Zustand der „Underperformance“. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

            • F. Malik

              Ich stimme Ihnen zu, aber ich verwende lieber das Wort „Funktionieren“. Organisationen und Systeme müssen funktionieren.
              Wie befähigt man sie dazu? Dazu hatten wir schon öfter korrespondiert: Durch Management. Gibt es verschiedene Arten von Management? Ja, funktionierendes und nicht funktionierendes. Solches, das Komplexität nutzt und solches das Komplexität ignoriert. Es sind die nicht-kybernetischen und die kybernetischen Arten. In der Cyber-Welt funktioniert es recht gut, allerdings sind deren Zwecke und Ziele häufig ungesetzlich. Aber es funktioniert, denn deswegen verwenden z. B. Hacker Cyber-Hacking und nicht ein anderes Hacking. Dasselbe bei Spionage, Erpressung, Datenraub usw.

              • Dr. Rüdiger STIX, PhD.,

                Mit der Analyse, hochgeehrter Herr Professor Friedmund Malik, bin ich auch in diesem Fall, also mit ihrem Blick auf die Cyberwelt einverstanden…
                (wie ich auch – seit unseren ersten Zusammenarbeiten im Alpbach der frühen 80er Jahre – praktisch alle Ihre Analysen und Modelle als herausragend betrachte)
                …möchte aber ergänzen:
                das Biotop im Cyberraum bewegt sich entweder nach Faustrecht oder eben privatrechtlich, etwa so, wie sich die ersten Eisenbahnen am Beginn, und die ersten Kraftwerke am Ende des 19ten Jahrhunderts entwickelt und „geplustert“ haben – solange, bis die Oligopole so stark geworden sind, dass sich öffentliche Regulierungen politisch durchgesetzt haben (und Sie kennen die dazu gehörigen Substitutionskurven seit Cesare Marchetti und seinen Schülern besser als ich..;-)
                Im „Cyber-Raum“ ist dies – noch – nicht absehbar. Da belauern und agieren die großen und mittelgroßen Akteure wie im „Seerecht“ zu Zeiten der staatlichen Piraterie.
                Es mag sein, dass es eine Cyber-Konvention daher erst nach einem verheerenden Cyber-Krieg gibt – so wie in etwa die Genfer Konventionen nach dem ersten Weltkrieg (aufbauend auf die Haager Konventionen) entwickelt worden sind…

                • F. Malik

                  Lieber Herr Stix, wie schön, von Ihnen zu lesen. An die Zeit in Alpbach denke ich mit Freude zurück; es war eine lehrreiche und überaus interessante Zeit und ein grosses Vergnügen. Ich hoffe, es geht Ihnen gut.
                  Sie bringen ein ganz wichtiges Thema in die Diskussion, und Sie haben wahrscheinlich recht. In der Cyber-Welt kommt hinzu, dass diese Welt mit den Sinnesorganen weit weniger fassbar ist, als es die Schiffe und Eisenbahnen der damaligen Zeiten waren. Und verschärfend tritt hinzu, dass wir bis heute noch kaum systematische Ausbildungsmöglichkeiten für Kybernetik haben. Ich vermute, dass es die Chinesen sein werden, die die ersten Cyber-Universities schaffen werden.

  7. Wolfgang Pfeifenberger

    Ich teile die Diagnose, dass die Politik mit den derzeitigen Mitteln am Ende angelangt ist. Was passiert in dieser Situation speziell in Deutschland? Man schaltet auf den Als-ob-Modus um. Man tut so, als könnte man die Dinge mit dem vorhandenen Instrumentarium schaffen, gerät aber mit jedem Lösungsversuch noch tiefer in den Treibsand ungelöster Probleme hinein. Ich sehe die Schwierigkeiten gar nicht so sehr in der Komplexität, sondern in der zunehmenden Asymmetrie zwischen globalen und lokalen Problemen. Letztere lassen sich vor Ort lösen, erstere befinden sich außerhalb des magischen Zirkels kybernetischer Einflussnahme.

  8. NJPuls

    Lieber Herr Prof. Malik,

    in mehreren Blogeinträgen haben Sie darauf hingewiesen, dass die politischen Vertreter des Landes, die sich in Jamaika-Sondierungen um den Konsens bemühten, vor einem offensichtlichen Komplexitätsproblem standes, es selbst aber nicht erkannten – weil man in alten Kategorien und Mustern dachte und handelte.

    Der Grünen-Politiker Robert Habeck schreibt zu diesen Phänomen folgendes:

    “ (…) Weder die alten Ordnungskategorien noch die Sprache der Politik greifen noch angesichts der Komplexität, Unübersichtlichkeit und Geschwindigkeit des Wandels. Umgekehrt ist es sogar so, dass die vorgegaukelte Sicherheit eines intakten Ordnungssystems erst recht destruktiv wirken kann, wenn sie als Schimäre entlarvt wird. Und die mulmige Frage, die in mir in diesen Sommerwochen rumorte, lautete, ob nicht auch ich Teil der Vortäuschung falscher Sicherheit war. (…)“

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/jamaika-sondierungen-die-gruenen-waren-zu-freundlich-15392101.html

    Ich glaube ich nicht, dass die teilweise neue Garde der Verhandler zu einem besserem Verständnis von Komplexität gelangt sind. Nichts deutet darauf hin.

  9. Jürgen Eck

    Ich denke, man muss einbeziehen, dass es letztlich um die Verfolgung von Interessen geht. Daher wäre von interessierter Seite eine gewisse Komplexität u.U. sogar erwünscht, um nicht gar zu deutlich zu machen, wessen Interessen man in Wirklichkeit verfolgt.

    • F. Malik

      Eine ganz wichtige Beobachtung. Interessen spielen eine dominante Rolle. Das wird sich auch kaum ändern.
      Ändern können sich aber die Methoden, mit denen man seine Interessen verfolgt.
      Es gibt blockierende Methoden, die zu den kleinsten Kompromissen führen.
      Es gibt auch dynamisierende Methoden, die zur besten Lösung für alle führen.

  10. Jürgen Clasen

    Ich glaube, wir uns waren einig, Herr Prof.Malik, die Probleme sind gar nicht das Problem…
    Das möchte ich am Vorabend einer neuen GroKo noch einmal verdeutlichen.
    Meine Tochter hat für ihren Sohn eine Zusage für die Kita ab 01.09. erhalten. 15 Zusagen stehen 500! Absagen gegenüber…Ähnliche Verhältnisse gibt es inzwischen auch auf dem Wohnungsmarkt. Die GroKo glaubt wohl, das man die
    Probleme u.A. durch bessere Regulierungen, Verteilungsschlüssel lösen kann. Ich glaube aber, das es nur besser werden
    kann, mit mehr Hardware! Also mit mehr Kitas und mehr Wohnungsbau! Die Ergebnisse, von denen man hört, sind nicht geeignet den Mangel nachhaltig anzugehen. Weiter glaube ich, das diese Artisten die Probleme nicht wirklich verstehen und das sie deshalb die Prioritäten falsch setzen, und zwar auf ziemlich allen Gebieten… DasI Internet betreut keine Kleinkinder…

    • F. Malik

      Ich stimme Ihnen weitgehend zu. Nun wäre jedes einzelne dieser Probleme, so wie Sie es aufzählen, wohl relativ zu lösen. Die Komplexität kommt ins Spiel mit der Vernetzung und den gegenseitigen Abhängigkeiten sowohl der Probleme als auch Ihrer Lösungen, zusammen. Und über die sachlichen Vernetzungen kommen die Vernetzungen der politischen Interessenlagen.

  11. Jürgen Clasen

    GroKo: Das Gelbe vom Ei sieht anders aus!